1000 Tode schreiben ist  ein wahrhaft gigantisches ebook-Projekt, das die Verlegerin Christiane Frohmann ins Leben gerufen hat.  Die Anthologie, die auf der Frankfurter Buchmesse 2015 in seiner finalen Form präsentiert wird, besteht aus 1000 kurzen Texten von 1000 Autoren/-innen mit ihrem oft sehr persönlichen Beitrag zum Thema Tod.

Tür in Blau

 

Mein Beitrag trägt die Nummer 200 und stammt aus der Erzählung 30 Unzen Gold.

Das ebook ist für 4,99  €  bei minimore  erhältlich. Die Einnahmen gehen an ein Kinderhospiz in Berlin.

 

 

Text Nr. 200 für #1000Tode

Jolanda konnte kaum etwas sehen. Ihre Brille hatte sie vergessen und ihre Augen füllte ein dichter Schleier aus Tränen, den sie in einem fortwischte. Sie verfluchte die nicht abreißende Flut des Gegenverkehrs, der ihre Überholmanöver erschwerte. Sie verfluchte diese verdammte Insel und diesen verdammten Typen, den einige Gott nannten und an den sie nicht glaubte, weil er das Roulette-Spielen nicht lassen konnte.

Ah, wen nehmen wir dann heute mal dran? Der Alte da oben war ein Statistiker, ein Mathematiker, ein Bürokrat, der Zahlen verwalten und den Durchschnitt erhalten wollte. Anzahl aller Lebenden exorbitant gestiegen? Da schickte er gleich einen Virus hinunter oder einen Tsunami oder ein paar fanatische Rassisten, damit sie Krieg führten im Namen ihres Gottes – alles nur, damit die Menschheit nicht explodierte –,  alles nur, weil ER sich bei der Dosierung des männlichen Triebes vertan hatte. Wie sonst war es zu erklären, dass Frauen ab fünfzig nicht mehr, Männer jedoch bis ins hohe Alter noch zeugungsfähig waren? Für diese wie auch andere Gedankenlosigkeiten im Schöpfungsakt hatte die Menschheit zu büßen.

Sie sah die Kugel, wie sie rollte, immer schneller ihre Kreise zog und dann bei J/männlich liegen blieb. Du kannst mich mal, schrie sie. Nicht mit mir! Ihre Finger umklammerten das Lenkrad, als wäre es das einzige, was sie in ihrem Leben noch halten könnte.

Beim Krankenhaus die verzweifelte Suche nach Jürgen. Zuerst zur Notaufnahme. Sie irrte durch ein Labyrinth von Gängen, bis sie im Bereich H im zweiten Stock landete.
Intensivstation.
Die Glastür geschlossen. Ein Klingelknopf an der Seite. Sie drückte. Nach mehreren Minuten kam eine Pflegerin und zeigte auf die Besucherzeiten. Sprechstunde sei um 13.30 Uhr, nach der Besuchszeit.

Jolanda ging auf die Toilette, spülte ihren Durchfall weg. Sie setzte sich auf einen der fest montierten Stühle und starrte auf die weißen Marmorplatten, die Kilometer von Bodenfläche verkleideten. In den Fluren lag ein stumpfer Glanz.

Die Stunden des Wartens verrannen. Keine Gegenwart, keine Zukunft und keine Vergangenheit – nur Stillstand. Dichter Nebel umhüllte sie. Der Ring an ihrem Finger kaum zu erkennen. Beängstigend. Im weißen Nichts gab es keine Richtung, keine Wegweiser, keine Konturen, nur die innere Stimme. Der Nebel zwang sie zu warten.

Tiefe Unsicherheit. Warten auf Licht.

Am frühen Nachmittag wachte sie aus ihrem Dämmerzustand auf. Der Hunger hatte sich in den vergangenen Stunden verkrochen. Eine weibliche Stimme rief seinen Namen. Ein Ü kannte die Stimme nicht. Sie sprach, Jurrgen, mit einem rollenden R.

Du musst stark sein, hörte Jolanda die Stimme ihrer Großmutter. Sie hatte mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter 1945 die Flucht über das Haff überlebt. Eisiger Tod von unten, zerschmetternder Tod von oben und vernichtende Kälte – unüberwindbar.

Jolanda atmete tief durch, ging in die kleine Kabine, dem das Schild die Funktion Besprechungszimmer zuwies. Der Arzt bat sie, sich zu setzen, fragte, ob sie einen Übersetzer bräuchte. Nein.

„Wir haben bei Ihrem Mann ein Blutgerinnsel festgestellt. In seinem Gehirn ist sehr viel Blut ausgetreten. Wir sind dabei, das Loch in seiner Arterie zu finden und es zu stopfen. Wir müssen noch Untersuchungen durchführen.“

„Warum?“

“Auslöser war eine Gewebsschwäche in der Blutbahn – ein Aneurysma. Wir mussten ihn in ein künstliches Koma versetzen.“

Jolanda sah ein Gehirn, das von Blut ertränkt wurde.

 

 

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