Die Versammlung

Nur wenige Gäste besaßen das Privileg, in der Eins zu übernachten, hatte die Hotelbesitzerin bei meiner Ankunft gesagt. Das Zimmer sei klein und individuell eingerichtet. Kein Meerblick. Vielleicht würde ich trotzdem das Meer entdecken.

Noch war mir nicht klar, wie ich zu dieser Ehre kam. Unter meinen Schritten knirschten Sandkörner, Palmenwedel raschelten, irgendwo fauchten zwei Katzen im Liebesspiel. Bougainvillea und Oleanderbüsche trieben leuchtend rote Blüten. Ich freute mich auf den Aktzeichenkurs, den ich bei einer Malerin gebucht hatte.

Die Eins befand sich in einer Casita abseits. Die Tür fiel hinter mir zu und mein Koffer auf den Boden. Im Halbdunkel Wispern, Seufzen und langgezogener Atem. Es kam von den Gemälden und Zeichnungen. Dicht an dicht hingen sie an den rotgetünchten Wänden.

Erst wollte ich umdrehen und zurücklaufen. Von Irrtum wollte ich sprechen, einem unmöglichen Affront. Doch mein Blick tastete die Rahmen entlang – vorsichtig, als müsste er sich festhalten an den Waagerechten und Senkrechten, den metallenen, auf denen Lichtreflexe schliefen, den barocken mit ihren Verästelungen und den hölzernen, die mit Lack oder Blattgold glänzten. Nirgendwo Glas, das eine Mauer hätte bilden können gegen die Versuchungen neugieriger Finger. Nackte Haut, entrückte weibliche Gesichter mit geschlossenen Augen und lustvoll geöffneten Lippen, Körper, die sich dem Betrachter in lasziven Haltungen entgegenstreckten und vor tiefer innerer Erregung, Wollust und Hingabe strotzten. Es gab nicht den geringsten Zweifel, ich war mitten in einer Bilderorgie der sexuellen Verzückung gelandet.

Mein Atem bebte vor Befremden, Faszination und vor Scham, aber auch vor Bewunderung für die Schönheit, mit der die Schöpfer den weiblichen Körper im Zustand höchster Wonne ergriffen hatten. Ich erkannte die Zeichnung eines Mädchens, das seine Rockfülle nach oben geschoben hatte, ein Sitzender Halbakt mit geschlossenen Augen. Hinter dem Bett die Madonna von Edvard Munch. Egon Schieles Die Traumbeschaute offenbarte mit beringten Händen das Innere ihres Geschlechts, rosarot alle Lippen. Schamlosigkeit par excellence von 1911. Widerstand im Rausch der Sinnlichkeit unmöglich. Und doch stürzte ich zum Fenster, warf die Läden zur Seite, ließ Licht herein. Vom Jasminduft geschwängerte Hitze und das Zirpen der Zikaden schlugen mir entgegen und das sanfte Rot des Abends, es glühte in meinem Gesicht.
In den pastellfarbenen Faltenwürfen eines Blütengemäldes versteckte sich die weibliche Scham. Daneben ein Schwarzweißfoto. Der Kopf des Mannes zwischen den Schenkeln einer Frau versunken. Wenn sie keusch ist, ist sie keine Kunst, hatte Pablo Picasso gesagt. Ich hoffe, du fühlst dich wohl, die Hoteleigentümerin.

Die Matratze gab nach, als ich mich setzte, während mein Herz davongaloppierte. Nachdem es sich wieder beruhigt hatte und ich die Augen geöffnet, wirbelten die Bilder um ihre eigene Achse und flogen wie aus einer Zentrifuge geschossen auf andere Plätze. Michelangelos Zeichnung eines weiblichen Genitals zischte ein langatmiges Oh ausstoßend an mir vorbei und landete oberhalb des Sekretärs. Er stand am Fenster und zitterte, als er das dunkle Oval neben sich wähnte. Der Ursprung der Welt, das Bildnis, das Gustave Courbet nach dem Schoß seiner Muse benannt hatte, flog an die gegenüberliegende Wand und drei kopulierende Figuren rempelten mitten im Flug die Träumende Thérèse an.
Autsch! Ecke abgesprungen, Stuhl gewackelt, Thérèse von den Rüpeln erwacht.
Sie strich sich über den Mund, wedelte mit dem Rock, wie es ältere Damen mit einem Fächer zu tun pflegten, und spazierte rechts aus dem Bild.

„Puh, ist es hier heiß!“ Thérèse bedachte mich mit einem abfälligen Blick. „Du und deinesgleichen finden mich kompromittierend und das Bild obszön. Was hab ich mir alles anhören müssen!“ Ihr Blick blieb auf dem Bett hängen.
Ich zwinkerte mit den Lidern in der Hoffnung, das Mädchen würde sich in Luft auflösen –
„Jahrhundert?“
„Wie?“
„Das Bett sieht ja aus wie das meiner Eltern.“ Sie rümpfte mit verächtlichem Blick die Nase.
Das Bett war tatsächlich antik und neben dem Sekretär vor dem Fenster das einzige Möbelstück in dem kleinen Raum.
„Einundzwanzigstes“, sagte ich. „Ein Hotel in Ibiza. Ein Zimmer für besondere Gäste.“
„Bist du eine von den neuen Sittenwächtern? Oder das nächste Modell?“
„Weder noch.“ Was bildete die Kleine sich ein?
„Du bist zu alt! Balthus nimmt nur Mädchen. Ich kann nur abhauen, wenn es einen Tausch gibt.“ Sie entdeckte eine Wasserflasche auf dem Nachttisch und trank gierig.
„Ich wollte immer nach Amerika und jetzt …“, ihre Stimme bekam einen weinerlichen Ton, „jetzt verfrachten die mich in einen Keller. Alles wegen so ´nem bisschen Weiß von einem Schlüpfer.“
Mit Erleichterung nahm ich wahr, wie der Flugverkehr nachließ und jedes Kunstwerk einen neuen Platz fand. Ich wollte diese Göre hinauswerfen, doch dann zweifelte ich an meinem Verstand.

Ein weibliches Modell nach dem anderen entstieg ihrem Raum. Die meisten schienen sich bereits zu kennen und begrüßten sich mit Wangenküsschen. Ein paar warfen sich aufs Bett, rekelten ihre nackten Körper, begannen sich zu massieren. Die, die standen, streckten ihre Arme nach oben, schüttelten und kniffen ihre Gliedmaßen.
„He, das geht zu weit“, rief ich, „das ist mein Zimmer! Ihr müsst euch ein anderes suchen.“
„Jahrzehnte stand ich im Scheinwerferlicht“, jammerte Thérèse. Im Gegensatz zu mir schenkte sie ihrer Umgebung keine besondere Aufmerksamkeit.
Eine, die aussah wie eine Sexpuppe, eine Blonde mit Haaren, die bis zum Po reichten, stolzierte ins Badezimmer.
„Die Tanzenden von Matisse sollen auch runter. Und die waren komplett nackig! Soll ich mich nur wegen euch Spießern in einen Sack hüllen? Das hätte den Männern nicht gefallen.“
„Mir doch egal“, sagte ich.
„Alle da?“ Der gebieterische Ton und die erhobene Hand einer Frau, die Peggy Guggenheim ähnlich sah, ließen die ausgelassene Stimmung verstummen. „Gut. Lasst uns anfangen, uns bleiben nur wenige Tage für die Versammlung. Wir müssen die Freiheit der Kunst verteidigen und mit ihr das Erbe der Zeiten bewahren.“
„Wir haben nichts zu bereuen!“, raunzte das füllige Modell von George Grosz. „Ich streck meinen Arsch lieber einem Pinsel entgegen, als putzen zu gehen.“
Die Blonde von Jeff Koons strich sich die nassen Haare und zupfte die Brustwarzen, bis sie standen. „Sexualität als Mittel zur Kommunikation.“
„Kann jawohl nicht dein Ernst sein,“ sagte eine Dicke und warf sich mein Bettlaken über ihre ausladenden Fleischrollen.
„Pah? Pornodarsteller sind auch professionelle Models. Meinst wohl Sue Tilly, du wärst was Besseres, nur weil du beim Arbeitsamt gearbeitet hast?“
„Porno ist keine Kunst. Du gehörst eigentlich gar nicht zu uns.“
Für einen Moment sah es aus, als ob sich beide die Haare ausreißen wollten. Mit angespannten Muskeln standen sie einander gegenüber. Cicciolina athletisch und Sue mit hundertzwanzig Kilo Kampfgewicht. Aus ihren zusammengekniffenen Augen blitzte Verachtung.
„Wir stehen nicht mehr am Ende des 19. Jahrhunderts und sexuelle Befreiung ist längst nicht das Thema“, warf Victorine ein. Das professionelle Modell von Manet war mir aus dem Kunstunterricht in Erinnerung geblieben. Zwei seiner Bilder erregten großes Aufsehen, weil sie nackt darin vorkam. Eine Frau aus Fleisch und Blut, die selbstbewusst den Betrachter anschaute. „Wir Modelle wurden nicht ausgebeutet, nur weil wir uns nackt zeigten, wie viele da draußen meinen“, fuhr sie fort. „Aber wir sind hier, weil wir uns Sorgen machen. In der modernen Kunst ist die Betrachtung des weiblichen Körpers verboten worden. Wir haben versagt.“

Alle Frauen redeten durcheinander. Das Stimmengewirr schwoll an und hätte sich Glas in dem Zimmer befunden, es wäre von der Wucht ihrer Empörung geplatzt.
„Bist du diejenige, die …“
Zwanzig Augenpaare schauten mich argwöhnisch an.
„Es liegt bestimmt eine Verwechslung vor“, versuchte ich knirschend und dachte an Flucht. „Man hat mir dieses Zimmer gegeben, aber … In ein paar Tagen kommt eine Fotocrew und mit ihr bestimmt das Modell, auf das ihr wartet. Ich … ich kann euch keine Botschafterin sein, ich bin doch nur eine unbedeutende –“ Ich wusste nicht mehr weiter.
Peggy zeigte auf die kleine Sylvette, die sich neben Thérèse auf die Fensterbank gesetzt hatte. „Sie ist keine Lolita. Picasso hat sie zwar nackt gemalt, aber aus der Fantasie. Wenn die Künstler die Welt nicht blau färbten, auch wenn sie grau ist, wer dann?“
„Wir haben auch Träume und Fantasie.“
Der Koffer flog auf und die Wäsche zur Seite, Leinwände und Skizzenblöcke kamen zum Vorschein, Kohle, Bleistifte und Aquarellfarben wurden herumgereicht. „Los, aufs Bett mit dir oder willst du am Sekretär stehen? Später tauschen wir die Rollen.“
Oh du meine Güte! Wo war ich gelandet? Wieder dachte ich an Flucht, als mich die beiden Grosz-Weiber ergriffen und auf das Bett zogen. Sie drapierten meine Beine an die Wand, direkt unter ein Bild, in dem ein unbekleideter Junge in einem Kinderplanschbecken stehend onanierte. Ein Kissen unter das Kreuzbein und die Hände dorthin, wo sie landeten, wenn ich die Arme ausstreckte. Ich spreizte meine Beine wie ein Frosch auseinander, legte aber die Hände unter den Hinterkopf und streckte meine Brust. So blieb ich liegen.

Ein Adler schwang sich in einer pfeilgeraden Bewegung aus meinem Innern und zog mit kräftigen Flügelschlägen hinaus. Er landete auf einem Felsvorsprung. Eine jungenhafte Gestalt stand vor dem Fenster. Er schien versteinert, war barfuß, trug eine kurze Hose, schwarze Haare fielen in sein Gesicht, mehr erkannte ich in der Distanz und dem schattigen Abendlicht nicht. Unsere Blicke eine unzertrennbare Linie. Ich fragte mich, wer als erstes aufgeben würde, wessen Lider als erstes zucken, wessen Pupille als erstes wandern und wessen Lippen als erstes aufeinanderbeißen, wessen Fuß oder Finger Unruhe verraten würde. Doch wir hielten den Blick in die Augen des Gegenübers gerichtet, pfeilgenau und unwiderruflich.
Er war höchstens achtzehn Jahre alt. Wirkte verschlossen. Nicht erschrocken, nicht erregt, nicht hochmütig. Das Einzige, was ich in seinem Gesicht erkennen konnte, war ein Hauch von Neugierde. Er schaute mich an, als wäre ich ein seltener Käfer, den er zufällig in der Natur gefunden hatte. So ein grüner mit zarten Beinchen und schillernden Knopfaugen. Dabei glich ich einer der selig in sich hineinlächelnden Musen an den Wänden, eine Frau, die sich mutig vorkam, sich in modellhafter Pose einem jungen Mann offenbarte, der durch ein Fenster getrennt, sie mit seinen Augen fotografierte, damit ihr Bild wahr wurde.
Das Summen der Zikaden schwoll an. Nach einer Zeit, die sich nicht bemessen ließ, streckte er seine Hand zur Seite. Wie auf Kommando spannte der Adler seine Flügel und landete auf seinem Unterarm. Träumte ich?
Im Dunkel der geschlossenen Lider wanderte mein Blick zur Nasenspitze. Hoffentlich würde sich das Bild des Jungen nicht verflüchtigen. Ich konzentrierte mich auf den Atem. Gleich darauf blinzelte ich. Er war verschwunden, wie eine Fata Morgana, die sich im Spiegel flirrender Hitze im Nichts auflöst.

Tage, Wochen später, wer konnte das schon genau sagen –, brachte mir die Hotelbesitzerin Frühstück aufs Zimmer. Der Geruch von Espresso weckte meinen müden Geist. Die kleine Eidechse auf dem Fenstersims verharrte, als Mira das Tablett auf dem Tisch abstellte.
„Schön“, sagte sie und neigte ihren Kopf beim Betrachten der neuen Zeichnungen. Sie ging ein paar Schritte zurück, wieder vor, wieder zurück. Das Hellgrün ihrer Augen war transparent, mit winzigen Sprenkeln darin, und das Rot der Haare biss sich mit dem Orange ihrer Bluse.
„Wo sind die alten geblieben?“, fragte ich.
„Hast du denn gar nichts mitbekommen? Sie waren hier nicht mehr sicher.  Die Säuberungswelle hat Europa erreicht. In Berlin wurde ein Gedicht übergetüncht.“
Ich hatte zum ersten Mal wieder Nachrichten gehört und senkte den Kopf. Der admirador war eine Figur der  Vergangenheit geworden.
In meinem Koffer neben der Tür lagen Aktzeichnungen. Von jeder Frau eine.

Den Jungen hielt ich fest in meinen Armen.

 

Zum Thema: https://www.nzz.ch/meinung/kunst-kommt-nicht-von-korrekt-ld.1354230

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