Kurzgeschichte

Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit Kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

(Auszug aus Bertold Brecht: Die Liebenden)

 

Es dauert, bis Nele Bäumer ihr erstes Tagebuch in der Kiste findet.
Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Holzboden der Anglerhütte, den Kopf nach vorne gebeugt und liest. Eine Funzel spendet ihr Licht. Kurze Gedichte, in kindlicher Schönschrift auf das Papier geschwungen, lange Briefe an einen Schüler der Oberstufe, in krakeliger Schrift hingefetzt. Von Sehnsucht, Liebeskummer und den Schmerzen des heftigen Verliebtseins berichtet die Handschrift der jungen Nele, von der sie drei Jahrzehnte trennen. Vom ersten Engtanz. Je t´aime hauchte Jane Birkin und stöhnte und stöhnte, die Hitze ließ den Kopf erröten und der erste Zungenkuss neue Welten ahnen. Später das endlose Warten auf Mon Amour und die belastenden Zweifel, ob sie schön genug oder klug genug oder interessant genug erschien.
Wie absurd das damals war, wie unsicher sie die ersten Schritte in ihr Leben machte.

Nele hält das kleine Buch mit dem stoffbezogenen Einband auf ihrem Schoß. Die rot-weißen Blüten darauf versprühen Heiterkeit. Ihre Finger blättern zurück zu den ersten Zeilen, kurz vor ihren zwölften Geburtstag, als sie zu schreiben begann.

Zum Dachboden der Getreidescheune war sie hinaufgestiegen. Der Werkzeugkoffer ihres Vaters stand direkt unter dem Fenster, geöffnet. Er hing unter einem Querbalken, sein Kopf baumelte nach vorne, als habe er sich vom Körper gelöst. Er muss die Trittleiter hinaufgeklettert und von dort herabgestürzt sein. Dabei wollte er doch nur das zerbrochene Dachfenster reparieren, durch das die Tauben hereinfliegen, oder? In einer Ecke im Dach hatten sie Nistplätze gebaut. Stattdessen fand er im Werkzeugkoffer die Kette und legte sie sich um den Hals.

»Ohne Worte bist du gegangen«, haucht Nele. Sie hebt den Blick in eine unbestimmte Ferne. Ohne Worte. Doch immerhin kann ich jetzt deine Entscheidung akzeptieren.

Ihre Finger streichen die Seiten entlang. Früher hatte es im Innern der Anglerhütte nicht vermodert nach Pilzen und Moos gerochen. Jedes Jahr hatte sie mit ihrem Vater die Holzlatten gestrichen. Manchmal sortierten sie gemeinsam die Fundstücke ihrer Kindheit – Steine, Fossilien, Wildschweinzähne, getrocknete Blüten und verschiedene bunte Blinker für die Angelruten. In dem immer schwächer werdenden Lichtkegel einer Taschenlampe las sie so lange, bis die Batterie ihren Geist aufgab oder das Geschrei im Haus endete. Nele weiß nicht, ob sie verzweifelt oder dankbar sein soll. Vor Kurzem zog sie mit ihren Kindern in das Haus ihrer Mutter zurück. In die Karibik zu dem Vater will sie nicht.

Ein Tocktocktock löst in dem vorgeschobenen Riegel ein metallisches Klappern aus. Nele lauscht in die Dunkelheit, ihr Körper absolut starr. Draußen sind Schritte zu hören, dann klopft es erneut, mehrmals hintereinander im kraftvollen Dreivierteltakt mit einer Pause zwischen den Tocks. Nie kommt jemand in das Versteck ihrer Kindheit, außer ihrem Vater früher. Die morsche Tür wird mit einem einzigen Tritt aus dem Rahmen brechen. Nele beginnt, wieder Luft zu holen und schält sich aus dem warmen Schlafsack.
»Mum, alles okay?«

Vor der Tür steht Max. Vor zwei Wochen hatte sie ihn in einer schummrigen Bar kennengelernt. An einem dieser Singleabende mit Happy Hour bis 21 Uhr. Wann kann ich dich besuchen, fragten seine SMS danach, wann? Sie verabredeten sich, doch vor zwei Stunden hatte er es im Haus ihrer Mutter nicht mehr ausgehalten und war gefahren. Auf und davon. Wie ein streunender Hund sieht er nun aus, bereit, sich die wunden Pfoten zu lecken. Sein T-Shirt klebt am Körper, in den Augen liegt ein bittender, aber gehetzter Blick.
»Woher weißt du, dass ich hier …«
»Scht!« Max legt seine Hand auf ihren Mund. »Deine Mutter sagte mir, dass du dich an den See zurückgezogen hast. Sie war schon im Nachthemd.«
»Und warum bist du zurückgekommen?«
»Da war ´ne Verkehrskontrolle kurz vor der Autobahn. Ich durfte den Wagen stehen lassen. 1,5 Promille.«
»Nicht mehr?«
»Was dachtest du denn?« Ein verächtlicher Zug umspielt seine Lippen.
»Und du bist den ganzen Weg gelaufen?«
»Einen Kilometer ungefähr, die Landstraße entlang. Hat ´ne Ewigkeit gedauert, bis das Taxi kam.«
Nele schaut auf den See, den dichte Feuchtigkeit umwebt, während er an ihr vorbei in das Innere schielt, als würde dort die Suite eines Luxushotels auf ihn warten. Der Regen hat sich verzogen.
»Bittest du mich rein oder soll ich gucken, ob es hier irgendwo ´ne Hundehütte gibt, in die ich mich legen kann? Immerhin bin ich heute so weit gefahren, um dich zu treffen.«
Zurückgekommen, weil ihm nichts anderes übrig blieb und sie die naheliegende Notlösung. Am liebsten würde sie die Tür vor seiner Nase schließen, doch Nele besitzt ein Faible für Engel, die in Seen stürzen oder auf den Asphalt knallen oder bittend Einlass begehren. Genau wie ihre Mutter, die jedem einsamen Wesen ihr Herz schenkt.
»Komm rein«, sagt sie und verriegelt die Tür.

»Blöd gelaufen, was?« Eine gewisse Schadenfreude kann sie sich nicht verkneifen. »Und nun?«
»Ich hab gar nicht damit gerechnet, dich alleine vorzufinden. Kann ich hier schlafen?«
Nele übersieht sein Grinsen. »Eigentlich wollte ich heute Nacht für mich sein. Ich hab nur einen Schlafsack.« Sie zögert. »Aber wir können ihn als Decke aufklappen, so kalt ist es ja nicht.«
Sie wühlt in der Kiste, zieht eine Isomatte heraus und wirft sie ihm zu. Das Tagebuch, das neben der Lampe liegt, klappt sie zu.
»Jetzt bist du also wieder da.«
»Du scheinst dich nicht gerade zu freuen.«
Sie schweigt, überlegt, ob sie ehrlich sein soll. Ob sie sagen soll, dass sie ihn für einen attraktiven, aber unzuverlässigen Windhund hält, der Familie nicht aushält und schnell das Weite sucht.
»Ich weiß nicht genau. Ja, schon, irgendwie schon. Bisschen plötzlich deine Wiederkehr.«
Max schüttelt die Staubflusen ab, öffnet das Band der Isomatte und rollt sie neben ihre. »Gibt´s hier zufällig ein Bier?«
Nele schüttelt den Kopf. Ein Bild ihrer Mutter drängt sich ihr auf. Wie sie im Heizungskeller lag, zusammengerollt unter der Wäscheleine, von einer braunen Wolldecke bedeckt, über die Nele beinah stolperte, als sie eine Flasche Wein aus dem Keller holen wollte. Sie ahnt, dass sie die Augen aufhalten sollte für die schönen Momente des Lebens. Zugreifen, wenn der Zufall winkt.
»Das Gerümpel hätte ich längst entsorgen sollen. Das Meiste ist von meinem Vater.« Sie zögert. »Wir saßen oft zusammen am See, haben geangelt.«
»Ich bin lieber in der Stadt.«
»Ich weiß.« Sie seufzt. »Du solltest die nassen Klamotten ausziehen.«
Max macht keine Anstalten, sitzt auf dem Anglerstuhl im fahlen Licht der Funzel, die ihrer beider Schatten an die Wand projiziert. Seine Augen wandern ihren Körper entlang, begutachten die Boxershorts und das ausgeleierte Spaghettihemdchen, bleiben bei den geöffneten Haaren hängen. Der Ausdruck der Verzweiflung ist einem anderen gewichen. Seine Hände greifen nach ihrer Hüfte und ziehen sie zu sich. Sie heben das Hemdchen ein wenig hoch, und ehe Nele sich versieht, hinterlassen seine Lippen einen zaghaften Kuss auf ihrem Bauch. Der flüchtende Hauch dieser Berührung, von einem leichten Piksen seiner Bartstoppeln begleitet, bringt tiefgefrorene Schichten zum Schmelzen. Seine Augen bohren sich in ihre.
»Hast du geweint?«
Sie senkt den Blick und schweigt.
»Wegen mir?«
»Nein.«
Er lässt sie los. »Warum dann?«
»Ich möchte jetzt nicht darüber reden«, sagt sie und zieht den Reißverschluss des Schlafsacks auf. In ihrem Rücken sein Blick. Nele schlüpft unter die ausgebreitete Decke.
»Was ist? Mit nassen Klamotten kommst du mir nicht ins Bett.«
Er streift das feuchte T-Shirt über den Kopf, seine Finger nesteln ungeschickt an der Gürtelschnalle und streifen die Jeans von den schlanken Beinen. Er kriecht unter die Decke. Sie wagen nicht, sich zu berühren.

Nele ist es, die das Schweigen bricht. »Bereust du es hier zu sein?«
»Nein. Ich hatte zwar gehofft, ein bequemeres Bett vorzufinden, aber so ist es auch gut.«
»Was für ein dankbarer Kerl du bist.« Sie lacht und Max fällt mit ein. Sie scherzen, erzählen von Nächten, die sie in billigen Motels und Hotels verbrachten und in denen ihnen die skurrilsten Menschen begegneten.
Mit verschwommenem Blick schaut Nele auf den Kranich, der über ihnen von der Decke hängt – selbst gebastelt aus Holz, für den besten Papi der Welt. Ihrer beider Lieblingstier.
»Der Kranich ist der Vogel des Glücks, steht für Wachsamkeit und Klugheit und wohnt bei uns auf dem See, sagte mein Vater oft. Er brachte mir bei, ihre Rufe zu unterscheiden. Die trompetenartigen Duettrufe von den klagenden Bettelrufen der Küken oder den trillernden Kontaktrufen.« Nele legt Mittel- und Zeigefinger an die Unterlippe und stößt pfeifend eine Folge schriller Vogelrufe aus.
»So geht das«, sagt sie – ihre Lippen bilden ein winziges Oval und ihre Augen tanzende Striche.
Max schaut sie an, als wäre es das erste Mal.
Von ihren kindlichen Träumen, dann, wenn es auf der Erde nicht mehr auszuhalten war, erzählt sie nichts. Sie kletterte auf den Rücken ihres Kranichs und flog dem Himmel entgegen. Weg von ihrer betrunkenen und im Streit mit ihrem Vater verbissenen Mutter. Sie flogen in gerader Linie zum Mittelpunkt des Sees, dann im Kreis, und wieder zurück, aber nie weit genug, um vollends zu entfliehen, und nie lange genug um abzustürzen.

Entfernt ist der Ruf eines Uhus zu hören. Max liegt auf dem Rücken und starrt zur Decke. Zögernd dreht er sich zu ihr um, seine Lippen nähern sich ihrem Ohr. »Möchtest du auch …?«
Worte in geflüsterter Dringlichkeit entwichen, die sie in ihrer Direktheit sprachlos machen und entwaffnen.
Anfangs ist Nele noch ängstlich – ihr Po zu breit, die Brüste zu klein, eine Rasur lange her –, doch dann lässt sie sich fallen, achtet auf nichts mehr, reagiert nur noch auf seine Liebkosungen, auf die Art, wie er sie emporhebt, jeder Moment wie der Flug auf ihrem Kranich, frei jeder Laut, das Prasseln des Regens wie ihr »Nein« längst verstummt. Ihr Atem keucht synchron mit seinem, während ihre letzten Worte sich taumelnd auflösen im Fühlen, in dem es keine Vergangenheit, keine Zukunft gibt – nur pure Gegenwart. Sie schwimmt auf erhabenen Wellen voll tänzelnder Schaumkronen, die sich dem Licht entgegenstrecken und wieder untertauchen. Sie erhascht Momente tiefen Glücksempfindens, die sich Perle für Perle aneinanderreihen. Vergessen alle Sorgen und Ängste. Bis etwas tief in ihr drinnen explodiert und die Wellen seicht übereinanderschlagen, fast lautlos ausrollen und in einem weich ausklingenden Schlussakkord ein letztes Mal aufatmen. Besänftigt vom ausufernden Hall der Reise.

Alles ist endlich. Ihr Atem und ihr Blut beruhigen sich. Nur wenige Zentimeter trennen sie. Die Hände und die geschwollenen Lippen, die einander eben noch liebkosten, sind reglos. Eine ganz und gar unerklärliche Fremdheit schwebt zwischen ihnen, ein drückendes Schweigen, als sei diese Art der Begegnung ein Fehler gewesen. Die Stille löst eine quälende Unruhe in ihr aus. Irgendetwas hat ihnen die Sprache verschlagen. Bis seine Frage sich vorsichtig, aber lauernd, herauswindet.
»Du suchst eine Beziehung, nicht wahr?«
Nele setzt sich auf und schüttelt den Kopf.
»Was dann?«
»Mach dir keine Sorgen! Ich will dich nicht.«
»Du willst mich nicht? Hey, das war doch toll eben.«
»Das reicht nicht.«
Auf einmal liegt seine Hand auf ihrem Bauch. Dann zieht sie sich wieder zurück. »Ich leg mich auch ungern fest.«
Früher wären die Wände stöhnend in sich zusammengefallen, hätten Nele unter sich begraben. Ein wild gewordener Sturm hätte sie in Stücke gerissen und wie Treibholz in einem wogenden Meer verwirrender Gefühle zu ertrinken drohen lassen.

Im Morgengrauen hört Nele, wie Max leise aufsteht, sich fast geräuschlos anzieht und die Tür öffnet. Aus den Augenwinkeln sieht sie ihn innehalten und zurückschauen, auf sie, die verdeckt von dem Schlafsack so tut, als schlafe sie noch.
Seine Schritte verlieren sich in der Entfernung. Nele rollt den Schlafsack zusammen. Der Schweiß und die Wärme haben sich verflüchtigt. Kalt die Fasern. Sie räumt auf, drückt ihr wiedergefundenes Tagebuch an den Bauch und schließt die Tür hinter sich. Auf ihrem Gesicht ein Lächeln. Ein Kranich zieht seine Flugbahn schnurgerade über den See. Ein Lied summend geht sie über die Wiese zurück zu ihren Kindern und ihrer Mutter. Noch heute wird sie die Anglerhütte ausräumen und für die Kinder eine Werkstatt herrichten. Ihr Schritt ist beschwingt.

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